Seminar: Ein Konflikt – zwei Perspektiven

Das Thema „Ein Konflikt – Zwei Perspektiven“ hatte offenbar einen Nerv getroffen: die Narrative beider Seiten zum Nahostkonflikt aus palästinensischer Sicht. Jedenfalls nahmen es knapp  zwei Dutzend Interessierte aus nah und fern zum Anlass, ein Wochenende lang im beschaulichen Landhotel in Eitorf (Sieg) zusammenzukommen (8.-10. 3. 2019). Eingeladen hatten die Städtepartnerschaften Bergisch Gladbach-Beit Jala und Köln-Bethlehem, Referentin war Nahost-Expertin Petra Schöning.

Ein Narrativ – was ist das überhaupt? Vordergründig ein strapazierter Modebegriff, bei näherem Hinsehen etwas, das schon die Bibel bemüht: die Zusammenschau von Ereignissen zu einer sinnstiftenden Erzählung. Wobei Deutung und Wirkmächtigkeit wichtiger sind als das Streben nach Wahrheit. Ins politische Tagesgeschäft übersetzt heißt das mitunter: Propaganda schlägt Fakten.   

Ein Narrativ ist schlüssig und geschlossen. Und so stehen sich Palästinenser und Israelis mit zwei diametral entgegengesetzten Erzählungen ihrer Geschichte der letzten 100 Jahre gegenüber. Ausgehend von wiederkehrenden aktuellen Streitfragen führte das Seminar vom Zionismus des späten 19. Jahrhunderts über die Staatsgründung Israels bis zur Diskussion um die Zwei-Staaten-Lösung. Entsprechend steuerte Petra in ihrer historischen Zeitreise viele Stationen an: Balfour-Deklaration, britisches Mandatsgebiet Palästina, palästinensische Nationalbewegung, Sechs-Tage-Krieg, Besatzung und Oslo-Prozess der 1990er-Jahre. Das alles flankiert durch Verweise auf historische Quellen, Völkerrecht und moderne wissenschaftliche Positionen.

Dabei spiegelt sich die Unvereinbarkeit der Sichtweisen  beispielhaft in einem zentralen Ereignis wider, das zuletzt im vergangenen Jahr, dem 70. Jubiläum der Staatsgründung Israels, für Streit beider Seiten sorgte. Für Israel ist der 14. Mai 1948 ein Nationalfeiertag, für Palästinenser eher ein Trauertag, an sie der Vertreibung gedenken. Während die offizielle israelische Perspektive dieses Schicksal von hunderttausenden Palästinensern in Abrede stellt, wird der Holocaust als Vorgeschichte der Staatsgründung Israels von palästinensischer Seite weitgehend ignoriert.

Petra gelang es gekonnt, den umfangreichen Konfliktstoff – mit Abstechern in Altes Testament und Antike – sinnvoll einzugrenzen und anschaulich zu präsentieren. Die abschließende Seminareinheit galt dem PRIME-Projekt. Dahinter steht das berühmten palästinensisch-israelische Lehrbuch, das Anfang der 2000er-Jahre auf Initiative des Peace Research Institute in the Middle East entstand. Das Werk stellt den einzigartigen Versuch palästinensischer und israelischer Lehrer dar, den Konflikt aus Sicht beider Parteien überhaupt einmal rational zu thematisieren, um vor allem der Jugend die Chance einer Annäherung zu geben. PRIME hat noch heute sein Verbindungsbüro in Beit Jala (Talitha Kumi).

PRIME-Projekt und Seminar haben etwas gemeinsam: die Erkenntnis, dass es zwischen beiden Parteien kaum Schnittmengen des Einvernehmens gibt. Und dennoch: Die Freunde Palästinas und Israels sind gefordert, sich Sachkenntnis zu den Positionen der eigenen und der anderen Seite zu verschaffen, Mythen zu entlarven und aktuelle Streitpunkte und Kampagnen besser zu begreifen.
 
„Film ab“, hieß es dann am Samstagabend mit „Wajib“ von Regisseurin Annemarie Jacir aus Bethlehem. Auf ernsthaft-humorvolle Weise stellt der Spielfilm einen Vater-Sohn-Konflikt als Roadmovie in Nazareth dar. Insgesamt förderten zahlreiche Diskussionen im Seminar, bei Spaziergang und Kellerbier reichlich Ideen für gemeinsame Vorhaben der beiden Städtepartnerschaftsvereine: zum Beispiel eine lange Filmnacht, eine Veranstaltung zum PRIME-Projekt und einen orientalischen Kochkurs, um nur einige aufzuzählen. Und natürlich waren sich alle einig, dass dieses Seminar ein, zwei, drei, viele Nachfolger haben soll. (JB)

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